Die Natur als Lebensgrundlage zukünftiger Generationen langfristig erhalten.

Erziehung und Bildung sind ohne zwischenmenschliche Begegnung nicht denkbar.

Kinder und Jugendliche in ihrer Individualität und in ihren Entwicklungsmöglichkeiten bestärken.

Menschliche Begegnung ins Zentrum rücken.

Den Menschen in all seinen Dimensionen betrachten.

   

Jede Stimme zählt, auch ohne Worte: Selbstbestimmt leben trotz hohen Unterstützungsbedarfs

Mehr als 85.000 volljährige Menschen mit Behinderung durften bis vor kurzem nicht wählen. Erst 2019 entschied der Bundestag die Einführung des Inklusiven Wahlrechts und verlieh ihnen hierdurch eine gleichberechtigte Stimme. Wie Teilhabe, Partizipation und Selbstbestimmung auch bei Menschen mit hohem Unterstützungsbedarf gelingen können, wird derzeit im Rahmen einer wissenschaftlichen Studie vom Institut Mensch Ethik Wissenschaft (IMEW) in Berlin untersucht. Dabei stehen die konkreten Veränderungen und Herausforderungen, die sich durch Inkrafttreten des Bundesteilhabegesetzes (BTHG) für diesen Personenkreis ergeben, im Fokus der Betrachtung. Ein fester Bestandteil der auf zwei Jahre angelegten Studie: praxisorientierte Workshops bei ausgewählten Institutionen der Eingliederungshilfe. Hier tauschen sich betroffene Menschen, die sie begleitenden Fachkräfte sowie Angehörige über individuelle Erfahrungen und Bedürfnisse aus. Zudem werden Praxisbeispiele vorgestellt, die aufzeigen, wie bestehende Hürden im Alltag gezielt überwunden werden können.

Das Ziel der Workshops und der Studie: Einander auf Augenhöhe begegnen und gemeinsam Ideen entwickeln, die ein selbstbestimmteres Leben ermöglichen. Konkrete Lösungsvorschläge für die nachhaltige Sicherung von Teilhabe und Partizipation sollen aus den Erfahrungen in der Praxis abgeleitet werden. Die Gemeinnützige Werkstätten und Wohnstätten GmbH (GWW) aus dem Raum Stuttgart leistet an dieser Stelle bereits Pionierarbeit. An ihren mehr als 20 Standorten in den Landkreisen Calw und Böblingen werden rund 1.300 Menschen betreut. Als eine der vom IMEW ausgewählten Institutionen lud sie im Januar 2020 zum gemeinsamen Workshop im schwäbischen Herrenberg ein und stellte ihre wegweisende Arbeit exemplarisch vor.

Unter den Teilnehmenden aus dem gesamten Bundesgebiet sind an diesem Tag auch sieben Männer und Frauen mit hohem Unterstützungsbedarf. Die meisten unter ihnen können zwar nicht im herkömmlichen Sinne sprechen, sich aber dank moderner Technik mitteilen und entschieden ihre Meinung vertreten: „Wir wollen nicht wie Babys behandelt werden“, so Sevinc Kurban. Die 29-Jährige sitzt wie viele andere im Kreis der Anwesenden in einem Rollstuhl und verständigt sich mittels eines sogenannten „Talkers“, einem technischen Gerät zur Unterstützten Kommunikation (UK). Normalerweise jedenfalls. Denn während des Workshops lässt die junge Frau mit türkischen Wurzeln der Akku plötzlich im Stich. Also springt kurzerhand Angelika Schwager von der Lebenshilfe Hannover ein. Sie begleitet Sevinc Kurban bereits seit ihrer Schulzeit und versteht sie auf scheinbar wundersame Weise auch ohne Worte. Die beiden Frauen sind einander sehr vertraut und gemeinsam mit öffentlichen Verkehrsmitteln aus der niedersächsischen Landeshauptstadt angereist. Über 500 km haben sie an diesem Tag zurückgelegt – allerdings nicht, ohne dabei auf Hindernisse zu stoßen. Denn Barrierefreiheit herrscht noch lange nicht an allen Bahnhöfen und in den entsprechenden Transportmitteln. Das frustriert und erfordert viel Geduld sowie kreative Lösungen.

Ähnliche Erfahrungen haben auch die übrigen Workshopteilnehmerinnen und -teilnehmer mit hohem Unterstützungsbedarf bereits gemacht. Auch Angehörige und Assistenzkräfte kennen solche Situationen gut. Deshalb sind sich alle einig: „Es gibt noch viel Nachholbedarf in Sachen Barrierefreiheit und Mobilität für Menschen mit Handicaps.“ Doch das ist nur eines von vielen Anliegen der Menschen mit hohem Assistenzbedarf als „Experten in eigener Sache“, die heute und ganz allgemein mitreden wollen, wenn es um gesellschaftliche Teilhabe und Partizipation geht. Die GWW nimmt dabei im institutionellen Rahmen bereits eine Vorreiterrolle ein und macht sich stark für eine verbesserte Lebenssituation dieser Personengruppe. So sind innerhalb der Einrichtung Bildung und Teilhabe mittlerweile für alle möglich. Auch Menschen mit hohem Unterstützungsbedarf können ihr Recht auf Selbstbestimmung ausüben. Gelungen ist dies durch die Gründung eines eigenständigen Beirats für den Förder- und Betreuungsbereich (FuB). Dieser ergänzt seit April 2015 den bereits bestehenden Werkstatt- und Heimbeirat und setzt sich aus zehn demokratisch gewählten Mitgliedern zusammen.

Einer unter ihnen ist Bernd Oberdorfer, der mit seiner Assistentin Brenda Schülke ebenfalls am Workshop teilnimmt. Die beiden sind ein eingespieltes Team und scherzen viel miteinander. Wenn der 58-Jährige im Rahmen des Projektes „Sprachlosigkeit? Kein Hindernis für uns“ nicht gerade Vorträge vor interessierten Schulklassen, Firmen oder Konfirmandengruppen hält, wird er fünf Tage die Woche im Förder- und Betreuungsbereich der GWW in Sindelfingen begleitet. Moderne Technik mag er eigentlich nicht besonders, und doch ist sie ihm – das muss er zugeben – im Alltag eine große Hilfe. Mittels seitlicher Kopfbewegungen kann er das mit Sensoren und einem Monitor ausgerüstete Sprachgerät an seinem Rollstuhl bedienen. Auf diese Weise bittet er seine Assistentin beim Workshop zunächst um einen Milchkaffee. Anschließend begrüßt er selbstbewusst alle Anwesenden mit einer Audio-Präsentation, in die er sich von seiner Assistentin nur ungern reinreden lässt. „Er hat seinen eigenen Kopf und weiß, sich durchzusetzen“, so Brenda Schülke. Von ihrem willensstarken Klienten hat sie gelernt, dass Menschen mit hohem Unterstützungsbedarf viel mehr können, als man ihnen zunächst zutraut. Deshalb sei es wichtig, sich im Alltag bewusst auch mal zurückzunehmen. „Das ist eine wichtige Voraussetzung um ein selbstbestimmtes Leben mit Behinderung zu ermöglichen“, betont die Betreuungsfachkraft weiter. „Seit Herr Oberdorfer zum Beispiel in seiner Funktion als Beiratsmitglied arbeitet, ist er förmlich aufgeblüht.“ Diese Aufgabe schaffe Selbstvertrauen und mache Mut, etwas eigenständig bewegen zu können.

Das bestätigt auch FuB-Beiratskollege und Workshop-Teilnehmer Markus Weimar. Sein Freund Arno, der als IT-Spezialist der Gruppe gilt und sich um alles Schriftliche kümmert, hat ihn angesprochen und ermuntert, für das Amt zu kandidieren. Nach einem schweren Unfall vor 14 Jahren lag der ausgebildete Koch zunächst ein Jahr im Koma. Als er erwachte, war nichts mehr wie zuvor. „Zeit spielt seither eine ganz andere Rolle für mich. Alles dauert einfach länger“, so der humorvolle junge Mann, der mit seinen Witzen die Runde an diesem Tag immer wieder zum Lachen bringt. „Doch ich hatte schon immer viel Geduld“, fährt Markus Weimar fort und betont, stets im „Hier und Heute“ zu leben. Durch den Verlust seines Augenlichts habe er ein sehr feines Gehör entwickelt und gelernt, seine Sinne ganz neu auszurichten. Die Arbeit mit Holz, die haptische Wahrnehmung des natürlichen Materials, genießt der Rollstuhlfahrer deshalb sehr. Das Erlebnis, trotz aller Einschränkungen selbst etwas schaffen zu können, steht für ihn im Mittelpunkt. Seine positive Lebenseinstellung und die Überzeugung, an wichtigen Entscheidungen mitwirken zu können, geben ihm den Antrieb für seine sinnstiftende und abwechslungsreiche Tätigkeit als Beiratsmitglied. Denn ein solches Beteiligungsgremium ist für den FuB-Bereich bislang keinesfalls selbstverständlich. „Alles eine Frage der institutionellen Haltung und des gelebten Werteverständnisses“, meldet sich GWW-Geschäftsführerin Andrea Stratmann in der Runde zu Wort. Sie weiß: Auch wenn der Weg zu einer verbindlichen und einheitlichen Regelung auf Bundesebene noch weit sei, so lohne es sich für Einrichtungen, mutig voran zu gehen und neue Ideen mit anderen Institutionen zu teilen. Dies ist auch eine der Intentionen des Workshops in Herrenberg. „Ein Denken in Alternativen“, betont Andrea Stratmann, „ist unumgänglich, um eine Veränderung in Gang zu bringen. Genauso wie das kritische Hinterfragen und bewusste Durchbrechen festgefahrener, nicht mehr zeitgemäßer Muster und Vorurteile.“

Was unter den bestehenden organisatorischen und rechtlichen Rahmenbedingungen des BTHG derzeit möglich ist und wie Veränderungsprozesse angestoßen werden können – dies steht im Fokus der IMEW-Studie, die im Herbst 2020 veröffentlicht werden soll.