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Lernformate im Wandel

Die Evangelische Schule Berlin Zentrum (ESBZ) entwickelt seit 2013 ein Lernkonzept für eine neue Oberstufe. Es ermuntert Schülerinnen und Schüler, zu Gestaltern der eigenen Lebenswelt zu werden, in der sie ihre Lernbedürfnisse eigenverantwortlich bestimmen und ihr Handeln als sinnhaft erfahren können. Zwischenmenschliche Begegnungen setzen dabei einen Kontrapunkt zur fortschreitenden Anonymisierung des Unterrichts.
Die Software AG – Stiftung in Darmstadt ist ein fördernder Partner dieses Aufbruchs zu neuen Ufern. Die damit verbundenen Erwartungen haben sich nach einer empirischen Untersuchung durch die Alanus Hochschule in Alfter bei Bonn mehr als erfüllt. Im Interview geben die Wissenschaftler, die das neue Konzept evaluiert und nun im Beltz Verlag veröffentlich haben, Einblicke in das Projekt sowie in ihre Forschungsergebnisse.

Zu den Gesprächspartnern: Seit 2015 haben Petra Ehrler, Jürgen Peters und Dirk Randoll das neue Oberstufenkonzept der ESBZ begleitet. Petra Ehrler arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin und Dr. Jürgen Peters als Lehrkraft für besondere Aufgaben an der Alanus Hochschule. Die Leitung des Projekts lag bei Prof. Dr. Dirk Randoll. Alle drei sind am Institut für Erziehungswissenschaft und empirische Bildungs- und Sozialforschung tätig.

Frau Ehrler, Sie haben von 2015 bis 2019 die Neugestaltung der Oberstufe an der ESBZ wissenschaftlich verfolgt. Wie ist das Projekt entstanden?
Ehrler: Die Schülerinnen und Schüler haben mit Eintritt in die Oberstufe festgestellt, dass der Unterricht stark von den Lernformaten der Mittelstufe abweicht. Dort gibt es vorrangig Projektunterricht. Die Jugendlichen wollten weiterhin eigenverantwortlich lernen. Gemeinsam mit Lehrern und Eltern haben sie dann überlegt, wie sie die Oberstufe entsprechend neu gestalten können. Innerhalb von zwei Jahren entstand ein neues Oberstufenkonzept – inzwischen genehmigt vom Berliner Senat.

Die neuen Lern- und Organisationsformen heißen Pulsare, Lernexpeditionen sowie Lebens- und Arbeitskompetenztage. Was verbirgt sich z. B. hinter den Pulsaren?
Randoll: In den Pulsaren, die Raum für individuelles Lernen sowie die Vertiefung persönlicher Interessen bieten, erarbeiten sich die Schülerinnen und Schüler kontinuierlich interdisziplinäre Themen, die sich häufig durch eine große Intensität und Komplexität auszeichnen. Dazu gehören beispielsweise die Auseinandersetzung mit Themen wie „Kognitive Dissonanz“ oder „Körpersprache“. Sie erfolgt auf Wochenbasis sowie jahrgangs- und fächerübergreifend. Die Auswahl der Themen orientiert sich am Lehrplan sowie am schulinternen Curriculum. Letzteres bezieht sich auf die „Sustainable Development Goals“ der Vereinten Nationen, die 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung. Die Zergliederung in Wissensbereiche entfällt. 84 Prozent der Schülerinnen und Schüler empfinden diese Art des Lernens als bereichernd für ihren weiteren Lebensweg.

Was zeichnet demgegenüber die Lernexpeditionen als Format aus?
Ehrler: Für die Lernexpeditionen müssen sich die Schülerinnen und Schülern bewerben. Sie sollen dazu ihr selbst gewähltes Thema genau strukturieren und sich fragen: Wie und mit wem will ich lernen? Mit welchen Materialien? An welchen Orten? Und was kann ich in welcher Zeit erreichen? Nach einer Lernwoche stellen sie dann ihren Mitschülerinnen und -schülern das Thema, ihre Erfahrungen und Ergebnisse vor.

Weitere Fähigkeiten und Fertigkeiten können die Schülerinnen und Schüler in einem Format erwerben, das auf zwei Tage angelegt ist. Worum geht es bei den sogenannten Lebens- und Arbeitskompetenztagen?
Ehrler: Die Schülerinnen und Schüler bestimmen auch hier die Themen selbst. Sie möchten sich beispielsweise mit Steuererklärungen, BAföG und Auslandsstudium sowie Weltwirtschaft oder Politik für Anfänger auseinandersetzen. Auch Konflikte mit Lehrern sowie der Umgang mit Depressionen oder auch Nähen und Kochen stehen auf den Themen-Wunschlisten der Heranwachsenden.

Randoll: Jetzt könnte man sich natürlich fragen, was das alles in einer gymnasialen Oberstufe zu suchen hat. Aber diese Themen sind lebensrelevant und deshalb für die Entwicklung der Jugendlichen enorm wichtig.

Ehrler: Entscheidend dabei ist, wie Schule verstanden wird. Geht es um den Wissenserwerb für Noten oder um das Sammeln echter Lebenskompetenz? Nur für die Schule möchten viele Jugendliche an der ESBZ nicht mehr lernen. Deswegen schätzen sie die Lebens- und Arbeitskompetenztage sehr. In diesem Format erhalten sie Kenntnisse für ein erfolgreiches Lernen und Arbeiten über die Schulzeit hinaus. Immerhin 84 Prozent der Befragten gaben an, dass sie die bearbeiteten Themen in ihren Alltag integrieren.

Sind die Schülerinnen und Schüler komplett frei in ihrem Lernen oder gibt es auch den klassischen Unterricht wie an „normalen“ Schulen?
Ehrler: Angestrebt ist, die klassische Oberstufe durch einen hohen Anteil an Pulsaren, Lernexpeditionen sowie Lebens- und Arbeitskompetenztagen zu transformieren. Unsere Befragungen ergaben, dass die neuen Lernformate nach dem Empfinden der Schülerinnen und Schüler weiter ausgebaut werden sollten.

Sind die Lernenden intrinsisch motiviert?
Randoll: Drei wesentliche Elemente zur Förderung der intrinsischen Motivation sind: Nachvollziehbarkeit, Sinnhaftigkeit und Selbstwirksamkeit z. B. durch Mitbestimmung. Das zieht sich durch alle Lernformate an der ESBZ, die auch die Rolle des Lehrers deutlich verändern: Er wird zum Mentor und Coach sowie teilweise sogar zum Mitlernenden. Das heißt: Er ist nicht mehr der Einzige, der das Wissen an seine Schülerinnen und Schüler weitergibt. Vor diesem Hintergrund bildet ein mutiges und voranschreitendes Lehrerkollegium die Basis für das Gelingen eines solchen Projekts.

Wie gut sind die schulischen Leistungen der Schülerinnen und Schüler an der ESBZ im Vergleich zu anderen Schulen mit klassischer Oberstufe?
Ehrler: Der Abiturnotendurchschnitt lang im Jahr 2018 an der ESBZ bei 1,89 und in Berlin insgesamt bei 2,4. Die Schülerinnen und Schüler schneiden also sehr gut ab.

Was erhoffen Sie sich für das Projekt? Ist eine Übertragung auf andere Schulen möglich?
Ehrler: Durch unsere Dokumentation sowie die Darstellungen der ESBZ auf ihrer Homepage besteht die Möglichkeit, das Konzept auch an anderen Schulen umzusetzen. Das erfordert allerdings sehr viel Umdenken.

Randoll: 90 Schulen haben Interesse bekundet und von einigen wurde die neue Oberstufe bereits umgesetzt. Interessant ist auch, dass viele reformpädagogische Elemente in den neuen Lernformaten stecken, etwa der Epochenunterricht sowie das selbstverantwortliche und praxisorientierte Lernen.

Zur wissenschaftlichen Evaluation: Insgesamt nahmen an der Untersuchung zu den neuen Lernformaten 2.570 Schülerinnen und Schüler sowie 293 Lehrkräfte teil. Nach jeder Lerneinheit konnten anonymisierte Onlinefragebögen ausgefüllt werden. Zusätzlich führte Petra Ehrler Interviews durch und erstellte anschließend einen Bericht. Am Ende gab es eine Abiturienten- und eine Lehrerbefragung, die Dr. Jürgen Peters ausgewertet hat. Alle Ergebnisse sind in eine Gesamtauswertung eingeflossen, die nun im Beltz Juventa Verlag erschienen ist.

Mehr zur Publikation unter:https://www.alanus.edu/de