Die von uns geförderten Projekte sind 
unsere Fenster in die Welt.

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Perspektive Zukunft: psychosoziales Gruppenkonzept für geflüchtete Minderjährige

Mehr als 31.000 junge Geflüchtete werden derzeit in Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe betreut, so das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. Ein aktueller Blick an die Landesgrenzen der EU zeigt, dass die Zahl und Not der oft schwer traumatisierten Schutz- und Asylsuchenden ungebrochen groß ist. Unwissenheit, Scham und kulturell bedingte Missverständnisse erschweren den Integrationsprozess all jener, die Deutschland erreichen, zusätzlich. Das Frankfurter Institut für Interkulturelle Forschung und Beratung e. V. entwickelte vor diesem Hintergrund ein psychosoziales Gruppenkonzept, das geflüchteten Jugendlichen ermöglicht, schrittweise anzukommen und ihrer Zukunft gestärkt entgegenzublicken. Eine aus dem zweijährigen Projekt abgeleitete Handreichung soll künftig die Arbeit der Institutionen wirkungsvoll unterstützen.

Als eine Zeit des Umbruchs ist die Jugend geprägt von Krisen, Angst und Verunsicherung – überall auf der Welt. Läuft der Prozess des Erwachsenwerdens jedoch dereguliert und ohne kulturspezifische Rituale ab, kann sich dies auf die gesamte Entwicklung auswirken. Genau das droht durch die schwerwiegende Erfahrung einer Flucht, die sich aus drei Phasen zusammensetzt: Trennung, Übergang und Integration. „Insbesondere das Stadium zwischendrin wird – ohne sozialen Status und fern von allem Vertrauten – von jungen Geflüchteten als Niemandsland empfunden“, erläutert Prof. Dr. Elisabeth Rohr, Marburger Universitätsprofessorin im Ruhestand, in einem Vortrag an der Evangelischen Hochschule in Darmstadt.

Hier fand am 18. Oktober 2019 – organisiert vom Frankfurter Institut für Interkulturelle Forschung und Beratung e. V. – ein Fachtag für Wissenschaftler und Pädagogen sowie Vertreter regionaler Jugendämter statt. Unter dem Titel „Pädagogische Herausforderungen in der sozialen Arbeit mit jugendlichen Geflüchteten“ setzten sie sich in Vorträgen und Workshops gemeinsam mit folgenden Fragen auseinander: Was geschieht, wenn Fachkräfte in ihrer Arbeit an eigene Wahrnehmungs-, Denk- und Handlungs-Grenzen stoßen? Wie können geflüchtete Jugendliche den Übergang zwischen Gestern und Morgen unbeschadet überwinden? Und: Wodurch lassen sich die Differenzen zwischen subjektiven Erwartungen und objektiven Bedingungen auf beiden Seiten – bei Jugendlichen wie Pädagogen – überwinden?

Aufgabenstellungen wie diese waren auch Gegenstand eines auf zwei Jahre angelegten Projekts, das im Herbst 2017 ebenfalls vom Frankfurter Institut angestoßen wurde mit dem Ziel, ein Konzept für eine transkulturell orientierte psychosoziale Gruppenarbeit mit unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen zu entwickeln. Dieses spezifische Angebot mit dem Namen „Erkundungs- und Erzählräume“ richtete sich an geflüchtete Mädchen oder junge Frauen und sollte die bestehende Lücke zwischen dem sozialen und medizinisch-therapeutischen Bereich schließen. Alle 19 Teilnehmerinnen im Alter von 14 bis 18 Jahren erlebten Traumatisches, nicht nur vor und während der Flucht aus Eritrea, Somalia und Äthiopien, sondern mitunter auch danach. In Deutschland angekommen, wurden sie in Betreuungseinrichtungen der Stadt Frankfurt sowie im südhessischen Kreis Groß-Gerau untergebracht. Dort erwies sich die gemeinsame Wohnsituation mit Jugendlichen unterschiedlichen Geschlechts und vollkommen differenter Lebensläufe als große Herausforderung. Zudem zeigte sich, dass der Bedarf der Fachkräfte an zusätzlicher interkultureller Qualifikation im Umgang mit den Geflüchteten groß war.

Im geschützten Rahmen des Frankfurter Instituts sollte den jungen Frauen und Mädchen daher ein Raum geboten werden, in dem sie einander regelmäßig begegnen, ihre Erlebnisse austauschen und sich gegenseitig unterstützen können. Unabhängig von ihrer kulturellen oder sozialen Herkunft litten sie alle unter dem Verlust lebenswichtiger Bindungen sowie unter den Folgen psychischer und/oder physischer Gewalt. Nicht selten kam es durch übermäßigen Druck und den Willen, unbedingt funktionieren und ins System passen zu wollen, zu einem emotionalen Zusammenbruch. Bemerkbar machte sich diese Überforderung beispielsweise durch Schlafstörungen, Angstzustände, Depressionen oder körperliche Schmerzen. Gleichzeitig fühlten sich viele der Jugendlichen oft unverstanden und bedurften vor diesem Hintergrund verlässlicher Unterstützung im Rahmen eines psychosozialen Gruppenangebots.

Drei Stunden pro Woche trafen sich die Mädchen, um in geschütztem Rahmen über Vergangenheit und Gegenwart ins Gespräch zu kommen sowie Sorgen und Ängste miteinander zu teilen. Eine ergänzende psychosoziale Sprachförderung half außerdem, Blockaden in der Verständigung zu überwinden. Bei den Treffen stets mit dabei: die Kulturmittlerin Elsa Manna. Die Diplom-Pädagogin mit eritreischen Wurzeln kam selbst mit 16 Jahren als Flüchtling nach Deutschland. Heute arbeitet sie unter anderem als Dolmetscherin und ist mit vielen regionalen Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe vernetzt. Durch ihre Tätigkeit und fachliche wie persönliche Expertise war es überhaupt erst möglich, die überwiegend ostafrikanischen Mädchen und jungen Frauen für die Teilnahme am Projekt zu gewinnen.

Wesentliche Grundlage hierfür war gegenseitiges Vertrauen. „Das musste natürlich erst nach und nach wachsen“, betont auch Beate Schnabel. Die studierte Soziologin und Gruppenanalytikerin hat das Projekt zusammen mit Prof. Dr. Anke Kerschgens, Dozentin für Psychologische Grundlagen der Sozialen Arbeit an der Fliedner Fachhochschule in Düsseldorf, geleitet. Elsa Manna und eine weitere Kulturmittlerin haben sie dabei von Anfang an maßgeblich unterstützt. Alle vier Frauen setzen sich bereits seit vielen Jahren mit den Themen „Flucht“ und „Migration“ auseinander. So wissen sie um die tiefen Spuren in Körper, Geist und Seele, die der lange, gefahrvolle Weg über Land und Meer bei den Teilnehmerinnen hinterlassen hat. Daher sind ihnen auch die Voraussetzungen bewusst, auf die es in der Begegnung mit jungen Geflüchteten ankommt: Offenheit, Neugier und der Mut zum Perspektivwechsel. Ebenso wichtig: „Eine professionelle pädagogische Haltung und permanentes Reflektieren. Denn nur mit Geduld, Zurückhaltung und den Verzicht auf feste Erwartungen, ist es möglich, dass die Jugendlichen sich öffnen“, verdeutlicht Kerschgens und ergänzt: „Die eigene innere Dramatik und Angst vor möglichem Verrat sowie die schamorientierte Kultur machen es den Mädchen bereits schwer genug, sich auf Fremde einzulassen. Insofern waren Frau Mannas interkulturelle Kompetenz und ihre eigene, vertraute Lebensgeschichte unerlässlich, um eine stabile und tragende Brücke zu den Geflüchteten aufzubauen.“

Mithilfe der Handreichung wird angestrebt, die psychosoziale Gruppenarbeit für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge künftig fest im Kinder- und Jugendhilfegesetz und somit in den Förderplänen der Jugendlichen zu verankern. Auf diese Weise kann es gelingen, die Ankommenden in der Entwicklung ihrer Persönlichkeit sowie eines zukunftsfähigen Lebensentwurfs gezielt zu stärken. In diesem Sinne ist für Sommer 2020 ein Fachtreffen geplant, an dem drei regionale Einrichtungen für die Erprobung des Konzepts gewonnen werden sollen. Darüber hinaus möchte das Frankfurter Institut für Interkulturelle Forschung und Beratung e. V. die Vernetzung zwischen Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe, Behörden, Ärzten sowie Therapeuten und Bildungseinrichtungen weiter vorantreiben.

Das Frankfurter Institut für Interkulturelle Forschung und Beratung e. V. ist seit 2014 anerkannter Träger der freien Jugendhilfe und Mitglied im Paritätischen Wohlfahrtsverband. Neben der allgemeinen Sensibilisierung für interkulturelle Themen forscht der Verein nicht nur im Bereich Erziehung und Kommunikation, sondern organisiert u. a. auch bereichsübergreifende Veranstaltungen für Fachgruppen. Er ist eng vernetzt mit Schulen, Ärzten, Therapeuten sowie Juristen und fördert die Kooperation zwischen Behörden und Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe.