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Fruchtbare Forschung: Studie zur goetheanistischen Morphologie

Johann Wolfgang von Goethe (1749-1834) war nicht nur einer der wichtigsten deutschsprachigen Dichter, sondern auch ein leidenschaftlicher Naturforscher. In seinen Arbeiten zur Morphologie (Lehre von der Form) suchte er nach einer Art Urbild von Organismen und erklärte damit, etwa am Beispiel der Metamorphose von Pflanzen, wesenstypische Merkmale.

In der modernen Biologie hingegen spielt die Morphologie nur noch eine Nebenrolle, im Vordergrund stehen Forschungen auf molekularer Ebene. Dennoch gibt es Phänomene, die mit der bisher gebildeten Theorie, mit Verweisen auf Genetik und Umwelteinflüsse, nicht hinreichend erklärt werden können. Die evolutionäre Entwicklungsbiologie, kurz Evo-Devo (vom englischen Begriff Evolutionary Developmental Biology), fragt deshalb verstärkt nach dem Zusammenhang zwischen der Entwicklung des Einzelorganismus und der Art.

In einem Forschungsprojekt zu Goetheanismus und Blütenmorphologie etwa hat sich der Biologe João Felipe Toni damit auseinandergesetzt, ob sich Morphologie und moderne Biologie vereinbaren lassen. Kooperationspartner dabei waren die Naturwissenschaftliche Sektion am Goetheanum und der Royal Botanic Garden Edinburgh. Für seine Masterthesis an der Universität Basel, die Dr. Louis Ronse De Craene betreut hat, untersuchte der Forscher die Blütenentwicklung an sechs Arten aus der Familie der Rosengewächse, und zwar phänomenologisch von der makroskopischen Beobachtung über die Mikroskopie bis zur Elektronenmikroskopie.

Im Mittelpunkt standen dabei die Fragen, aus welchen Anlagen sich die einzelnen Blütenorgane wie zum Beispiel Kelch-, Kron- und Staubblätter entwickeln und  wie eines dieser Organe (z.B ein Kronblatt) im Laufe der Evolution in ein anderes (z.B. ein Staubblatt) umgewandelt werden kann. Mit Bildern aus dem Elektronenmikroskop konnte João Felipe Toni dabei die von Goethe postulierte Metamorphose der Pflanzen bestätigen. Vielmehr noch: Goethes Ideen passen widerspruchsfrei zu den heutigen Erkenntnissen der Biologie. Sie leisten nicht nur einen wichtigen Beitrag zum Verständnis der genetischen Abstammung der Blütenpflanzen, sondern erweitern auch das in der modernen Wissenschaft vorherrschende Verständnis von Leben und Evolution auf fruchtbare Weise. Das belegen nicht zuletzt mehrere Veröffentlichungen in renommierten Fachjournalen und angeregte Diskussionen im Rahmen mehrerer wissenschaftlicher Tagungen, auf denen João Felipe Toni seine Studienergebnisse präsentieren konnte.