Die von uns geförderten Projekte sind 
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Kunst macht gesund: Forschung zu Künstlerischen Therapien

Künstlerisch-kreative Tätigkeiten haben nachweislich eine positive Wirkung auf die Gesundheit – zu diesem Schluss kommt ein im November 2019 vorgestellter Bericht der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Für diese Studie wurden über 900 internationale Publikationen ausgewertet – die bisher umfassendste Evidenzübersicht über die Wirkung der Kunst auf die Gesundheit. Beschäftigungen wie Tanzen, Singen oder Malen können demnach die körperliche und geistige Gesundheit fördern und medizinische Therapien sinnvoll unterstützen. Künstlerische Therapien sind dabei nicht nur vergleichsweise kostengünstig, sondern auch ohne unerwünschte Nebenwirkungen, so eine weitere Aussage des Berichts.

In der Anthroposophischen Medizin haben Künstlerische Therapien wie Musik-, Mal- oder auch Eurythmietherapie einen festen Platz. Trotz aller langjährigen, positiven Praxiserfahrungen gab es bis vor einigen Jahren jedoch kaum systematische Forschung zur Wirksamkeit. Hier setzt das Forschungsinstitut für Künstlerische Therapien RIArT (Research Institute for Creative Arts Therapies) im Fachbereich „Künstlerische Therapien und Therapiewissenschaft“ an der Alanus Hochschule in Alfter an.

Der 2019 veröffentlichte WHO-Bericht betont ausdrücklich die Wirksamkeit der Kunst im Bereich der Gesundheitsförderung. Was bedeutet das für die Situation der Künstlerischen Therapien und die der Anthroposophischen Medizin?
Harald Gruber: Dass die Weltgesundheitsorganisation in der Kunst ein Mittel zur Gesundung sieht, ist für uns natürlich eine Steilvorlage. Es ist auch für uns als Hochschule ein starkes Signal, schließlich nennen wir uns ja „Hochschule für Kunst und Gesellschaft“. Dank des WHO-Berichts werden wir nun anders in der Gesellschaft sichtbar: Künstlerische Therapien sind nicht nur nice to have, sondern haben Relevanz. Das können wir jetzt auf andere Weise politisch, gesellschaftlich und sozial einfordern.

Sabine Koch: Unter der ausgewerteten Literatur sind auch Veröffentlichungen aus unserem Institut, etwa ein systematisches Review zum Thema Stressmanagement und Stressprävention. Darin geht es sowohl um den positiven Einfluss der Kunsttherapie als auch der Kunst als solche, die ja ein zentraler Faktor der Therapie ist. Kunst wirkt über die Ästhetik und das Schönheitserleben, aber auch über die symbolische Kommunikation von etwas, das verbal oft kaum kommuniziert werden kann.

In Sachen WHO sind inzwischen schon weitere Schritte in die Wege geleitet worden: Sie hat aufgrund der Anfrage des International Doctoral Consortiums eine Initiative gestartet, die zum Ziel hat, Forschungsliteratur zusammenzustellen, um in ähnlicher Weise spezifische Empfehlungen gezielt für die Künstlerischen Therapien abgeben zu können. Das RIArT ist an dem Konsortium, das durch Prof. Dr. Nisha Sajnani von der New York University geleitet wird, direkt beteiligt.

Im Herbst 2020 ist das Forschungsinstitut für Künstlerische Therapien fünf Jahre alt geworden. Welche Schwerpunkte verfolgen Sie bei Ihrer Arbeit?
Harald Gruber: Zwei Aspekte sind wichtig: Zum einen wollen wir systematisch Forschung anregen, unterstützen und auch durchführen, sodass die Künstlerischen Therapien in verschiedenen Anwendungsfeldern wissenschaftlich untersucht werden. Zum anderen bieten wir Absolventen aus den Bereichen Kunst, Medizin oder Künstlerische Therapien im Rahmen eines geplanten Doktorandenprogramms die Möglichkeit, sich wissenschaftlich weiter zu qualifizieren.

Sabine Koch: Neben dem internen Dialog mit Pädagogen, Künstlern, Eurythmisten, Philosophen und weiteren Disziplinen haben wir zur Erreichung dieser Ziele von Anfang an auch Kontakt zu den anderen weltweit bestehenden Forschungsinstituten für künstlerische Therapien aufgenommen. Es gibt vier internationale Institute, zwei in den USA sowie je eins in Israel und in Australien. Mit diesen stehen wir in engem Austausch. Daraus hat sich eine sehr produktive Zusammenarbeit entwickelt, die nicht nur in dem erwähnten internationalen Zusammenschluss der Doktorats-Programme für Künstlerische Therapien, sondern bereits auch in gemeinsame Projekte gemündet ist.

Parallel haben uns ab 2017 immer mehr externe Anfragen von Universitäten oder Universitätskliniken erreicht, die mit uns zusammenarbeiten wollten. Sie haben schon bald so stark zugenommen, dass wir gar nicht mehr alle bedienen konnten. Deshalb sind wir sehr froh, dass bald unser PhD-Programm starten wird, dessen Doktoranden in größerem Umfang in Forschungsprojekte einbezogen werden.

Wo sehen Sie die Künstlerischen Therapien in zehn Jahren? Was wäre Ihre Wunschvorstellung?
Sabine Koch:
Ich wünsche mir, dass wir unser derzeitiges Wissen über die heilende Kraft der Künstlerischen Therapien besser anbringen können. Und zwar sowohl durch Stellen in klinischen Einrichtungen wie Psychiatrie, Psychosomatik oder Reha als auch in anderen Institutionen wie Autismus- oder Behandlungszentren für Flüchtlinge. Dafür braucht es eine exzellente Outcome- und Wirkfaktorenforschung. Für diese Bereiche ist es deshalb essentiell, dass wir weitere Drittmittelprojekte starten, die es uns erlauben, nicht nur Kurzzeit-, sondern auch Langzeiteffekte zu untersuchen.

Harald Gruber: Mein großer Traum ist es, dass die Künstlerischen Therapien ins Gesundheitswesen integriert werden wie andere therapeutische Verfahren auch, sodass sie über die Krankenkassen abgerechnet werden können. Darüber hinaus wünsche ich mir, dass sie als Berufe anerkannt werden und wir Forschung betreiben, die tatsächlich auf dem Stand der Zeit ist. Wir dürfen uns selbst dabei aber nicht vergessen. Wir haben mit unserem Medium Kunst einen spezifischen Zugang. Damit können bzw. sollten wir auch klar Position beziehen und uns nicht nur dem andienen, was gerade nachgefragt wird.

Zu den Interviewpartnern:

Prof. Dr. phil. habil. Sabine C. Koch leitet das Forschungsinstitut für Künstlerische Therapien der Alanus Hochschule in After und ist Professorin für Empirische Forschung in den Künstlerischen Therapien.

Prof. Dr. rer. medic. Harald Gruber ist Dekan und Leiter des Instituts für Kunsttherapie sowie Professor für Kunsttherapie/Forschung im Fachbereich Künstlerische Therapien und Therapiewissenschaft der Alanus Hochschule in Alfter.

Faktenblatt der WHO zum Bericht (auf Englisch):
„Health Evidence Synthesis report: what is the evidence for the role of the arts in improving health and well-being in the WHO European region“. Untersucht wurden Kunstformen in fünf Kategorien: darstellende Künste, visuelle Künste, Literatur/Kultur und Künste im digitalen Raum.