Die von uns geförderten Projekte sind 
unsere Fenster in die Welt.

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Spiritualität in der Kindheit: Vertrauensvoll aufwachsen

Kinder entdecken voller Staunen und Ehrfurcht die Welt. So begegnen ihnen Tag für Tag unzählige kleine Wunder. Die Spiritualität, mit der sie das Aufkeimen eines Getreidekorns oder die Verwandlung einer Raupe in einen Schmetterling wahrnehmen, wirkt dabei wie eine unsichtbare Kraft auf Körper, Geist und Seele und lässt sie vertrauensvoll aufwachsen. Das offenbart sich sowohl bei den Jahreszeitenfesten im Waldorfkindergarten als auch im Gespräch mit dem erfahrenen Kinder- und Jugendarzt Prof. Dr. David Martin.

Gemeinschaft und innere Stärke als Rüstzeug für das Leben

Draußen dämmert es. Über dem taunassen Gras liegt ein silbriger Schleier, der Sträucher und Spinnweben sanft umhüllt. Drinnen brennt eine Kerze. Ihr Licht strahlt den ungewohnt kühlen Temperaturen im Freien wärmend entgegen. Es ist der 29. September, ein ganz besonderer Tag für die Kinder und Erzieherinnen der „Zipfelmütze“. Denn heute wird im Limburger Waldorfkindergarten gefeiert – und zwar zu Ehren von Sankt Michael. Als erstes von insgesamt drei Festen bereitet es die Kinder neben Sankt Martin und Nikolaus auf Weihnachten vor. „Denn während sich im Sommer die gesamte Wahrnehmung nach außen richtet, ist es für alle Menschen jetzt an der Zeit, ein inneres Licht zu entfachen“, erläutert Geschäftsführerin Tanja Horn die hohe Symbolkraft der nun beginnenden, vierwöchigen Michaeli-Zeit.

Wie jedes Jahr im Herbst – wenn sich das Leben in der Natur zurückzieht und die Dunkelheit in großen Schritten näher rückt – geht es für die 3- bis 6-Jährigen in Begleitung ihrer Erzieherinnen zur Waldwoche in den benachbarten Forst. Diese Umgebung beflügelt die Fantasie der Jungen und Mädchen und schafft eine stimmungsvolle Atmosphäre. Hier fällt es ihnen leicht, sich gedanklich in die Rolle des tapferen Ritters Georg hineinzuversetzen, der mit Hilfe des Erzengels Michael den Drachen bezwingt und die Prinzessin aus ihrer Gefangenschaft befreit. Jene Legende, die bis Ende Oktober immer wieder im täglichen Reigen aufgegriffen wird, bildet die Grundlage des Michaeli-Festes. Sie ruft schon bei den Kleinsten eine innere Vorstellung von „Mut, Aufrichtigkeit und innerer Stärke“ hervor und lässt sie diese Motive auf spirituelle Weise, ganz ohne sachliche Erklärungen erspüren sowie im freien Spiel nachempfinden.

Selbst nach vielen Jahren nimmt Tanja Horn noch immer den Zauber wahr, der den Moment umgibt, wenn die Kinder mit ihren selbstgebauten Holzschwertern auf der Suche nach der Drachenhöhle beherzt durchs Unterholz streifen. Dabei bekräftigen sie sich voller Entschlossenheit gegenseitig im Chor und singen das Lied „Wenn ich groß bin, so groß wie die Welt, dann werd‘ ich ein Ritter, ein Ritter und Held“, schildert die Pädagogin ihre Beobachtung. „Das ist Spiritualität, die ihre positive Wirkung direkt offenbart: Die Kinder werden in ihrem Denken, Fühlen und Handeln angesprochen, wachsen über sich selbst hinaus und bilden eine starke Gemeinschaft, die sich gegenseitig trägt.“ Kaum ist der Drache dann gemeinsam in die Flucht geschlagen, wird der Wagemut beim Ritterfest mit selbst gebackenen Schwertern aus Mürbeteig belohnt. Das Getreide, aus dem sie bestehen, haben die Jungen und Mädchen zuvor eigenständig gedroschen und zu Mehl verarbeitet. Hierin steckt nicht nur die Energie des Sommers, sondern auch die Verbundenheit mit dem eigenen sinnvollen Tun im Lauf der Jahreszeiten. In seiner Gesamtheit – so betont die dreifache Mutter – bilden diese Erfahrungen das „Rüstzeug“, das es braucht, um vertrauensvoll und gestärkt durchs Leben zu schreiten – in enger Verbundenheit mit der Natur und den Mitmenschen sowie im Bewusstsein, in dieser Welt geborgen zu sein.

Spiritualität und Gesundheit: Drei Fragen an Prof. Dr. David Martin

Welche besondere Bedeutung das geistige Erleben in den ersten Lebensjahren eines Menschen haben kann, weiß auch Prof. Dr. David Martin. Er ist Inhaber des Lehrstuhls für Medizintheorie, Integrative und Anthroposophische Medizin an der Fakultät für Gesundheit der Universität Witten-Herdecke. Zudem arbeitet er einmal pro Woche als Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin in der Filderklinik bei Stuttgart, wo Prof. Dr. Martin im Bereich der pädiatrischen Endokrinologie, Diabetologie, Onkologie und Hämatologie tätig ist. Im Interview spricht er über Spiritualität und ihre heilsame Wirkung auf die gesunde Entwicklung von Kindern.

Welche Bedeutung hat spirituelles Erleben für die gesunde Entwicklung eines Kindes?
Eine Eigenschaft liegt im Wesen aller Kinder: Unvoreingenommenheit. Hierdurch besitzen sie die besondere Gabe, das Schöne und Gute in den Dingen zu sehen. Hingebungsvoll können sie sich ihren Mitmenschen und der Umwelt öffnen. Dieses tiefe Empfinden von Freude, Dankbarkeit und Verehrung, das ich als Spiritualität bezeichnen möchte, ist wie ein Schatz, den grundsätzlich jedes Kind in sich trägt, wenn auch unterschiedlich ausgeprägt. Wie wertvoll dieses Urvertrauen ist, erlebe ich bei meiner Tätigkeit im Krankenhaus immer wieder, insbesondere im Umgang mit gesundheitlichen Herausforderungen. Dasselbe gilt auch für die Fähigkeit zur Vergebung und Regeneration, welche den Jungen und Mädchen hilft, jedem Tag und allen Menschen eine neue Chance zu geben. Das macht die kindliche Psyche selbst im Falle schwerster Erkrankung so überraschend widerstandsfähig. Von dieser ganz speziellen Kraft, können wir Erwachsene sehr viel lernen. Denn in ihr liegt das Potential, über das eigene Selbst hinauszuwachsen und sich ein Leben lang stetig weiterzuentwickeln. Wenn wir uns hierin von den Kindern inspirieren lassen und so zu besseren Vorbildern werden, reifen auch sie wiederum durch die Nachahmung unserer selbst immer weiter heran. Diese spirituellen Kräfte tragen somit von Generation zu Generation zu einer offeneren, empfindsameren und gütigeren Menschheit bei.

Wie kann man diese Resilienz fördern?
Wiederholungen, ein lebendiger Rhythmus mit schönen Ritualen und klaren Strukturen, bei denen sich Phasen der Fantasie, der körperlichen Bewegung und der lauschenden Ruhe abwechseln, können erheblich zum seelischen, aber auch zum körperlichen Wohlbefinden beitragen. Vor allem bei den Jüngsten erzeugen sie ein Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit. Diese Erkenntnis beachten wir in der Filderklinik beispielsweise auch bei der Pflege bzw. Lagerung von Früh- und Neugeborenen: Neben immer gleichbleibenden und damit vorhersehbaren Abläufen üben die feinfühlige Haltung des Personals, eine dem Kind zugewandte Mimik und Gestik sowie eine sanfte Stimme einen positiven Einfluss auf seine Entwicklung aus. Hinzu kommt eine altersgemäße, vorsichtige Stimulation von außen. Denn zum Lernen, das wissen auch wir Erwachsene, braucht es innere wie äußere Entspannung und tragende Beziehungen. Nur so, das haben medizinische Untersuchungen gezeigt, kann sich das Gehirn von Säuglingen optimal entwickeln.

Wodurch kann Spiritualität auch im medizinischen Sinne eine heilsame Wirkung entfalten?
In der Anthroposophischen Medizin (AM) wird darauf geachtet, dass ein Mensch sich physisch, seelisch und geistig mit Wärme durchdringen kann. Aus diesem Grund nehmen anthroposophische Ärzte oft auch die Temperaturverhältnisse an Händen und Füßen ihrer Patienten wahr und erfassen so auf ganzheitliche Weise das Befinden ihres Gegenübers. Rhythmische Massagen und Einreibungen mit speziellen Ölen beispielsweise berühren den Menschen sowohl innerlich als auch äußerlich. Sie unterstützen zudem die Verarbeitung schwieriger Erlebnisse aus der Vergangenheit. Ein weiteres Beispiel ist die Eurythmie: Diese Bewegungskunst wirkt sich – therapeutisch angewandt – gleichermaßen auf Körper, Geist und Seele eines Patienten aus. Selbst chronische Erkrankungen lassen sich durch sie verbessern, wie unsere jüngsten Untersuchungen zeigen. Darüber hinaus haben die spirituelle Haltung des medizinischen Personals sowie die achtsame, emotionale Zuwendung zu den Patienten und ihren Angehörigen eine immense Bedeutung für den Heilungsprozess. Nachweislich kann hierdurch zum Beispiel die Zahl und Intensität von Infekten beeinflusst werden.