„Beim Stillen geht es um weit mehr als bloß ums Sattmachen.“

Stillen gilt als natürliche und vollwertige Ernährung für Säuglinge. Sie wirkt sich nachhaltig positiv auf die körperliche und seelische Gesundheit eines Kindes aus. Warum das so ist, verrät Christa van Leeuwen, Hebamme mit 45-jähriger Berufserfahrung, im Interview.

Frau van Leeuwen, welche Bedeutung hat das Stillen für die körperliche Entwicklung eines Säuglings?
Christa van Leeuwen: Muttermilch ist lebendige Nahrung und das Beste, was eine Mutter ihrem Kind geben kann – in vielerlei Hinsicht. Optimal auf seine Ernährungsbedürfnisse abgestimmt, kann sie vom Säugling leicht verdaut werden. Muttermilch enthält gerade in den ersten Tagen nach der Geburt sehr viel Eiweiß und liefert so wichtige Antikörper für das Immunsystem des Babys. Rein physiologisch betrachtet bietet sie dem Kind also einen umfassenden Schutz vor Infektionskrankheiten, Entzündungen und Allergien – auch über die Säuglingszeit hinaus. Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt deshalb auch, sechs Monate lang voll zu stillen.

Abgesehen vom Gesundbleiben und Sattwerden: Gibt es weitere Bedürfnisse, die durch das Stillen befriedigt werden?
Christa van Leeuwen: Wenn das Kind beispielsweise weint oder anderweitig signalisiert, dass es Hunger hat, und die Mutter legt es daraufhin an ihre Brust, ist das eine sehr annehmende Geste. Der Abstand zwischen dem mütterlichen Gesicht und dem des Neugeborenen entspricht dann exakt dem, was es zu diesem Zeitpunkt erkennen kann. Allein der liebevolle Blick der Mutter vermittelt ihm dabei bereits ein sicheres und geborgenes Gefühl. Hinzu kommen ihr vertrauter Geruch, der direkte Hautkontakt, körperliche Wärme sowie zärtliche Berührungen. All das nährt ein Kind auch im seelischen Bereich. Hierdurch entsteht eine tiefe innere Bindung. Von daher geht es beim Stillen um weit mehr als bloß ums Sattmachen. Es ist die intensivste Form von Zuwendung, die eine Mutter ihrem Kind schenken kann, und ein wechselseitiger Ausdruck von Liebe.

Was kann aus dieser engen Verbundenheit zwischen einer Mutter und ihrem Kind erwachsen?
Christa van Leeuwen: Eine Mutter versucht, immer für ihr Kind da zu sein. In ihrer neuen Rolle trägt sie Verantwortung für andere und nimmt sich selbst zurück. Denn gerade das Stillen erfordert Geduld und kostet auch Kraft. So entwickeln sich bei ihr Eigenschaften oder Qualitäten, die vorher vielleicht nicht da gewesen sind. Das Kind wiederum macht ganz wesentliche und nachhaltig wirkende Erfahrungen: Es lernt, Vertrauen zu haben, auch in das Leben selbst. Es spürt Verlässlichkeit und Liebesfähigkeit. Letztlich wird es für sein ganzes Leben geprägt, denn diese frühen Erlebnisse trägt es fest in sich und kann sie als erwachsener Mensch weitergeben.

Was hat sich bezogen auf das Stillen in den letzten Jahrzehnten verändert?
Christa van Leeuwen: Früher, als Stillen in der Öffentlichkeit noch unüblich war, haben sich die Frauen aus Genanz mit ihrem Kind zurückgezogen. Das ist heute glücklicherweise anders. Der Vorteil war jedoch, dass Mütter beim Stillen Ruhe hatten und sich bewusst ihrem Kind zuwenden, es streicheln und die kleinen Fingerchen küssen konnten. Das ist das, was das Kind spürt und was ihm seelisch guttut. Heutzutage sind Mütter im Umgang mit ihrem Nachwuchs nicht selten abgelenkt: Sie sitzen beispielsweise beim Stillen vor dem laufenden Fernseher oder tippen beim Spazierengehen mit dem Kinderwagen unentwegt auf ihrem Smartphone. Insbesondere wenn das Kind schon etwas größer und wacher ist, sammelt es sehr viele Eindrücke aus seiner Umwelt. Eine Mutter, die nur auf ihr Telefon guckt und chattet, bemerkt gar nicht, wie diese Einflüsse auf ihr Kind wirken, und kann es in seinem Erleben nicht begleiten.

Wie nehmen Sie die erste Zeit nach der Geburt heute insgesamt wahr?
Christa van Leeuwen: In den letzten Jahren erlebe ich, dass viele Mütter sich sehr großen Druck machen. Das Wochenbett dauert eigentlich sechs Wochen. Es ist – wie auch schon die Schwangerschaft und die Geburt selbst – eine sensible Phase im Leben einer Frau. Die Gefühle gehen in dieser Zeit auf und ab. In der Nachsorge habe ich des Öfteren erlebt, wie sehr manche Mutter unter Strom steht, weil ihr Kind ausgerechnet an diesem Tag so langsam trinkt und schläfrig ist. Denn sie will ja mit ihm um 10 Uhr schon in der Krabbelgruppe oder beim Babyschwimmen sein. Diese Unruhe spürt ein Kind sofort. Es merkt, dass irgendetwas nicht stimmt, und hört folglich auch auf zu trinken.

Wodurch entsteht dieser Druck?
Christa van Leeuwen: Mein Gefühl ist, dass junge Mütter in der heutigen Zeit Angst davor haben, etwas zu verpassen. Wenn sie drei bis fünf Tage nach der Geburt die Klinik verlassen, gehen viele erst einmal mit ihrem Kind zum Einkaufen in den Drogeriemarkt oder sogar zum Abendessen mit ihrem Partner und dem Baby ins Restaurant. Hier fehlt es aus meiner Sicht an Sensibilität und Wahrnehmung für die Bedürfnisse des Kindes. Denn auch solche äußeren Eindrücke müssen von Neugeborenen regelrecht verdaut werden. Genügsam zu sein, sich auf die neue Situation einzulassen und aneinander zu gewöhnen, finde ich an dieser Stelle sehr wichtig, damit Mutter und Kind erst mal in ihren eigenen Rhythmus finden.

Wodurch kann dieser Rhythmus begünstigt werden?
Christa van Leeuwen: In erster Linie durch Zeit und Achtsamkeit. Die Zuwendung einer Mutter sollte sich ganz auf das Kind konzentrieren. Dies ist ein riesiger Umstellungsprozess. Die Mutter muss sich erst einmal in ihre neue Rolle hineinfinden, und auch das Kind braucht eine Weile, um auf dieser Welt anzukommen: Selber atmen, selber trinken, selber verdauen – das ist schließlich eine große Aufgabe für ein so kleines Menschenkind. Dazu gehört auch, dass eine Mutter ihr Kind aufmerksam beobachtet, um seine Zeichen richtig interpretieren zu können. Nach und nach entwickelt es so beim Trinken einen gleichförmigen Rhythmus, etwa alle zwei bis vier Stunden, der ihm die nötige Struktur und Sicherheit gibt, um sich auf lange Sicht im Leben zurechtzufinden.