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unsere Fenster in die Welt.

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Erkennen statt Wissen: Ästhetische Bildung

„Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt“ – mit diesen Worten legte Friedrich Schiller in seiner programmatischen Schrift „Über die ästhetische Erziehung des Menschen“ 1795 den Grundstein für das, was wir auch heute noch unter ästhetischer Bildung verstehen. Das Konzept basiert auf der Einsicht, dass sinnlich-ästhetische Erfahrungen die eigene Wahrnehmungsfähigkeit erweitern und zu umfassenderen Erkenntnissen führen können als rein kognitive Lernprozesse. Die Auseinandersetzung mit Kunst und Kultur, gemeinsames Singen, Malen oder Bewegung fördern nachweislich Sozialkompetenz und intellektuelle Fertigkeiten. Auch für die Entwicklung der emotionalen Intelligenz ist ein differenziertes Aufnahmevermögen von zentraler Bedeutung – ein Grund mehr, der ästhetischen Bildung einen hohen Stellenwert einzuräumen.

Die Waldorfpädagogik nimmt in dieser Hinsicht eine Vorreiterfunktion ein. Ihr Begründer Rudolf Steiner setzte – ebenfalls mit Bezug auf Schiller – auf eine universelle Sinnesschulung, die Körper, Seele und Geist anspricht. Dabei spielt die Kunst ein zentrale Rolle, und zwar keineswegs nur als Mittel zum Zweck: „Man sollte als Pädagoge nicht zu viel davon reden, daß diese oder jene Kunst zur Ausbildung dieser oder jener menschlichen Fähigkeit ‚nützlich‘ ist“, schreibt Steiner 1923 in seinem Beitrag „Pädagogik und Kunst“ in der Wochenschrift „Das Goetheanum“ und erklärt weiter: „Die Kunst ist ja doch um der Kunst willen da. Aber man sollte als Pädagoge die Kunst so lieben, daß man ihr Erleben den werdenden Menschen nicht entbehren lassen will. (…) Der Verstand wird an der Kunst erst zum wahren Leben erweckt.“ (GA 36, Seite 291) Als 1919 die erste Waldorfschule in Stuttgart gegründet wurde, waren Kunst und Ästhetik im öffentlichen Schulwesen kaum von Belang. Im Waldorflehrplan dagegen standen von Anfang an praktische und künstlerisch-musische Aktivitäten den klassischen Schulfächern zur Seite. Sie bereichern auch außerhalb der jeweiligen Fachgebiete den Unterricht – als Methode, die Welt zu ergreifen und sie sich anzueignen.

Persönlichkeitsbildung als Schlüssel
Doch das Prinzip der ästhetischen Bildung kommt nicht nur Heranwachsenden zugute, sondern erweist sich auch im Hochschulbereich als überaus fruchtbar. So etwa bei der Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft in Alfter bei Bonn, die von der SAGST seit fast 20 Jahren im Rahmen einer strategischen Förderpartnerschaft begleitet wird. „Unser Engagement für ein ganzheitlich orientiertes und freies Bildungswesen entspringt dem Wunsch, Menschen auf die komplexen gesellschaftlichen Herausforderungen unserer Zeit vorzubereiten“, sagt Projektleiter Christoph Teixeira. „Es geht eben nicht nur darum, exzellentes Fachwissen zu vermitteln, sondern auch die Persönlichkeitsbildung auf vielen Ebenen anzuregen. Dabei ist die ästhetische Bildung von großer Relevanz.“ „Einerseits erweitert die Beschäftigung mit den Künsten den Horizont des Wahrnehmens, Fühlens, Denkens und Urteilens“, ergänzt Alanus-Rektor Prof. Hans-Joachim Pieper. „Andererseits bezieht das praktische künstlerische Tun immer den ganzen Menschen ein.“ Weil die ästhetische Bildung neben dem rationalen Teil des Menschen in besonderem Maße auch die Sinne, das Körpergefühl, die Psyche und spirituelle Erfahrungen unterstütze, habe sie an der Alanus Hochschule in allen Studiengängen eine bedeutende Aufgabe, führt er weiter aus: „Ästhetische Bildung entspricht der zweckfreien Harmonie von Gefühl und Verstand, die Schiller mit dem Begriff des ‚Spiels‘ im Blick hat. Ich würde übersetzen, der Mensch ist nur dann ein ganzer Mensch, wenn er alle seine Anteile in Bewegung hält und miteinander in Beziehung setzt – und dazu tragen künstlerisches Tun und ästhetische Bildung wesentlich bei.“

Neue Erfahrungsräume eröffnen
Dieser Ansatz kommt nicht nur innerhalb der Hochschulräume zum Tragen, sondern auch in einer Vielzahl von Projekten im öffentlichen Raum. Angehende ArchitektInnen bauen gemeinsam mit den BewohnerInnen eines Stadtviertels eine Skulptur aus Dachlatten, um Ideen für die Neugestaltung eines in die Jahre gekommenen Platzes zu entwickeln. Malerei-Studierende arbeiten mit Gefängnisinsassen oder Obdachlosen, künstlerische Projekte wie ein gemeinsames Theaterstück mit Jugendlichen in einer Brennpunkt-Schule können ungeahnte Kräfte freisetzen sowie neue Erfahrungsräume eröffnen.

Darüber hinaus entfaltet sich das heilsame Potenzial künstlerisch-schöpferischer Prozesse auch im medizinisch-therapeutischen Bereich. Tanzen, Singen oder Malen fördern die körperliche und geistige Gesundheit und können medizinische Therapien sinnvoll flankieren, wie auch eine Ende 2019 veröffentlichte WHO-Studie bestätigte. Künstlerische Therapien wie Musik-, Mal- oder auch Eurythmietherapie haben in der Anthroposophischen Medizin einen festen Platz. Ihre systematische Erforschung betreibt seit fünf Jahren das Forschungsinstitut für Künstlerische Therapien RIArT (Research Institute for Creative Arts Therapies), das an den Fachbereich Künstlerische Therapien und Therapiewissenschaft der Alanus Hochschule angegliedert ist. „Die Kunst ist eine Möglichkeit, die Beziehung zu sich und zur Welt zu überprüfen und neu zu gestalten. Dass die Weltgesundheitsorganisation in der Kunst ein Mittel zur Gesundung sieht, ist natürlich eine Steilvorlage und auch für uns als Hochschule ein starkes Signal“, sagt der Dekan Prof. Dr. Harald Gruber.

 

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