Mehr als nur Unkraut: Über die nährende, kräftigende und heilsame Wirkung der Brennnessel

„Die Brennnessel ist so eine wunderbare Pflanze, dass sie sich der Mensch ums Herz pflanzen müsste“, schrieb einst Rudolf Steiner. Denn das wehrhafte Kraut, dem seine schmerzhafte Eigenschaft den Namen verleiht, nährt, kräftigt und heilt nachweislich mit all seinen Teilen. Junge Blätter können als würziges Spinatgemüse verwendet werden, ihre Samen wirken anregend bei Müdigkeit oder Konzentrationsschwäche und ihre Wurzel hilft, Bakterien auszuspülen sowie den Körper zu entschlacken.

„Die Königin der Beikräuter“ empfahl der Begründer der Anthroposophie jedoch nicht nur zur Harmonisierung des Organismus oder zur Regulierung des Eisenhaushalts. Er riet auch, die Pflanze, die viele heute schonungslos aus ihren Gärten verbannen, in der Landwirtschaft einzusetzen, um den Boden und die Natur insgesamt zu beleben. Denn sie spielt eine wichtige Rolle für unser Ökosystem – etwa als Futterquelle für eine Vielzahl an Insektenarten oder als natürliche Maßnahme gegen Milben, wie sie beispielsweise im biodynamischen Weinbau erfolgreich Anwendung findet.

Das lange unterschätzte Gewächs, das im letzten Jahr mit dem Titel „Heilpflanze des Jahres 2022“ ausgezeichnet wurde, ist unglaublich vielseitig: Urtica dioica, so die lateinische Bezeichnung, wird schon seit Jahrtausenden als Grundstoff für die Papierherstellung und als Faserpflanze zur Produktion von Kleidung sowie zum Färben von Wolle genutzt.

Hortus officinarum, ein Verein, der sich für die Erhaltung und Züchtung von Heilpflanzen auf biologisch-dynamischer Grundlage einsetzt und bei seiner Arbeit von der Software AG – Stiftung unterstützt wird, beschreibt die Brennnessel nicht nur vor diesem Hintergrund als „treue Gefährtin“. Sie stelle sich, so der gemeinnützige Verein aus der Schweiz, mit ihrer mächtigen, aufrechten Gestalt, die bis über einen Meter hoch werden kann, überall dort ein, wo ein Überschuss an Nährstoffen im Boden auszugleichen sei. „Als ausgesprochener Stickstoffzeiger gilt sie als Kulturbegleiterin. Einmal angepflanzt, verbreitet sie sich über ihre leuchtend gelben unterirdischen Ausläufer und kann viele Jahre geerntet werden“, erklärt Ruth Richter von Hortus officinarum weiter.

Deutlich schwieriger sei der Anbau der Urtica urens, deren Saatgut in der Schweiz selbst in botanischen Gärten nur schwer zu bekommen, aber nicht minder wichtig für die Anthroposophische Medizin ist. Die Härchen der „kleinen Brennnessel“ reizen die Haut stärker als die der großen Schwester, weshalb sie als Heilmittel vor allem bei Insektenstichen, Verbrennungen und Ausschlägen eingesetzt wird.